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6. Projekte umsetzen

Ob mustergültig sanierte Modellgebäude, innovative Energieversorgung im Quartier, passgenaue Beratungsangebote oder neue Geschäftsmodelle: Wirkungsvolle energetische Quartierssanierung braucht realisierte, sicht- und erlebbare Projekte. Bei den Menschen im Quartier wird durch umgesetzte Projekte Akzeptanz für die Quartierserneuerung erzielt – dies motiviert Nachahmer und zieht weitere Umsetzungserfolge nach sich. Für die Kommunikation in der Quartierserneuerung ist es daher sinnvoll, bereits in der Phase des Konzepts statt allgemeiner Maßnahmen möglichst konkret fassbare Projekte zu erarbeiten: Projekte haben klare Ziele und Verantwortlichkeiten, definierte Arbeitsschritte und Budgets und sorgen für Verbindlichkeit im Prozess. Eine projektorientierte Verfahrens- und Planungskultur kann die Akteure dabei unterstützen, die Empfehlungen des Quartierskonzepts schrittweise umzusetzen. Die Werkzeuge für ein Projektmanagement in der Quartierserneuerung wenden sich besonders an kommunale Quartiers- und Sanierungsmanager.

6.1 Das Projekt im Mittelpunkt

Welche Argumente sprechen für eine projektorientierte Verfahrenskultur in der energetischen und integrierten Quartierserneuerung? Ein Überblick:

Für die Suche und Ansprache geeigneter Projektpartner hilft es, die Vielzahl der Handlungsempfehlungen des Konzepts in einzelne Projekte zu gliedern. Akteure im Quartier können so gezielt je nach eigener Motivlage, Kompetenzen und Ressourcen an Projekten teilhaben. Die jeweiligen Rollen differenzieren sich in Projektträger, Partner, Unterstützer oder auch Nutzer. Während beispielsweise lokale Energieversorger oder auch Handwerker an Projekten der Umsetzung innovativer Energieversorgungslösungen auch wirtschaftlich partizipieren können, kann für die Bürgerschaft im Quartier die Teilhabe an niedrigschwelligen Beratungsprojekten als Nutzer besonders attraktiv sein. Die Möglichkeiten (und Grenzen) des eigenen Engagements sind somit greifbarer. Beispielsweise können Kooperationsvereinbarungen helfen, um Private und öffentliche Hand zur Umsetzung von konkreten Projekten zu verpflichten und die Schnittstellen verbindlich zu regeln.

Projektbeispiel: Haus Reichstein in Gelsenkirchen-Ückendorf
Modellhafte Gebäudesanierung eines Gründerzeitgebäudes, mit regelmäßigen Besichtigungs- und Vortragsterminen während der Bauzeit und bis zu 10 Jahre nach Fertigstellung

Projektbeispiel: Energetische Erneuerung Chemnitz-Brühl
Modellquartier für den großflächigen Einsatz von erneuerbaren Energien und den Ausbau eines Niedertemperatur-Fernwärmenetzes

 

Um möglichst zügig in die Umsetzung von konkreten Projekten zu kommen, sollten auch sogenannte Huckepackthemen identifiziert werden. (Energetische) Maßnahmen können an bereits geplante Projekte angedockt werden. Eine Schulerweiterung kann beispielsweise als Anlass zum Aufbau einer Nahwärmelösung genutzt werden oder die geplante Straßensanierung bietet die Chance zur Realisierung einer Wärmenutzung aus Abwasserwärme für anliegende Gebäude.

Projekte können über ihre Projektziele klar kommuniziert werden: Im Beteiligungsprozess ist es sinnvoll, nicht nur den allgemeinen Klimaschutz als Argument für die Quartiersentwicklung zu nutzen, sondern vor allem die Verbesserung der Lebensqualität vor Ort in den Vordergrund zu stellen und dies mit praktischen zum Quartier passenden Beispielen zu unterlegen. Dies verdeutlicht den Anwohnern im Gegensatz zum eher abstrakten Thema Klimaschutz einen unmittelbaren Nutzen und erzielt damit eine höhere motivierende Wirkung und Akzeptanz.

Für die Kommunikation kann es auch empfehlenswert sein, Projekte nach ihrer Strahlkraft und ihrem Innovationsgrad zu kategorisieren: Innovative Modellprojekte benötigen mehr Ressourcen, können im Fall der erfolgreichen Umsetzung jedoch auch für die überregionale Öffentlichkeitsarbeit der beteiligten Partner genutzt werden.

Umgesetzte Projekte „zum Anfassen“ ziehen weitere Erfolge nach sich und sind ein sichtbares Zeichen für den Wandel im Quartier. Meilensteine im Projekt wie der erste Spatenstich oder die feierliche Wiedereröffnung eines sanierten Gebäudes sind dankbare Themen für die aktive Öffentlichkeitsarbeit.

 

Über projektorientiertes Arbeiten können sich engagierte Bürger, Unternehmen und Institutionen im Quartier leichter mit eigenen Ideen einbringen und diese mit Unterstützung des Sanierungsmanagements zu umsetzungsreifen Projekten weiterentwickeln. In Projektwerkstätten werden gemeinsam Projektpartner und -träger gesucht, Projektinhalte mit der Hilfe von Fachleuten konkretisiert und die Projektideen einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Durch Bürgerimpulse entstandene Projekte wie beispielsweise die energetische Sanierung eines Vereinsheims oder ein mit erneuerbaren Energien betriebenes Leih-Lastenrad sorgen für Identifikation mit dem eigenen Quartier.

Projektbeispiel: Adresse Neptunplatz e. V. – Aktivierende, bürgergesteuerte Stadtentwicklung für einen Stadtplatz in Köln-Ehrenfeld

Ein vollständiger und aussagekräftiger Projektsteckbrief ist eine gute Basis für die Vorhabensbeschreibungen in Förderantragsverfahren. Für die Beantragung von Fördermitteln, aber auch die Umsetzung der Projekte sind Projektbeschreibungen mit Aussagen zu Projektzielen, Träger und Projektpartnern, Arbeitsschritten, Kosten und Eigenmitteln notwendig. Diese Projektbeschreibungen sollten bewusst knapp gehalten werden und einen Umfang von 2 bis 10 Seiten möglichst nicht überschreiten – je nach Komplexität der Aufgabe. Prägnante Projektbeschreibungen erzeugen sowohl bei den Projektpartnern als auch beim Fördergeber Vertrauen und Zuversicht, dass die Umsetzung möglich ist. In Abschnitt „Projekte umsetzen“ findet sich ein Muster-Projektsteckbrief zum Download.

Projektbeispiele: Vom Projektträger Jülich (PtJ) geförderte Projekte mit Fokus auf Energiewendeprojekten

 

6.2 Projektmanagement für Sanierungsmanager

Für die erfolgreiche Arbeit der Sanierungsmanager ist ein gut strukturiertes und konsequentes Projektmanagement erforderlich. Insbesondere für Berufsanfänger und/oder Einzelkämpfer kann dies eine Herausforderung darstellen.

Unter Projektmanagement wird im Allgemeinen ein Managementprozess verstanden, der bei der Projektdefinition und -initiierung startet, die Planung, Durchführung und Kontrolle beinhaltet und nach dem Abschluss des Projektes endet. Um dieses erfolgreich durchzuführen, bedarf es der Wahrnehmung von Führungsaufgaben, der Organisation, der Anwendung der passenden Techniken und der Bereitstellung ausreichender Mittel für die Abwicklung eines Projekts. Auch die DIN-Normenreihe DIN 69901 legt Prozesse und Verfahren für das Projektmanagement fest.

Das Sanierungsmanagement ist ein klassischer Projektmanagementprozess, der sich in diese Bausteine unterteilen lässt. Da es sich hierbei nicht um die Organisation eines einzelnen Projektes handelt, kann man beim Sanierungsmanagement auch über ein Projektportfoliomanagement sprechen.

Um ein erfolgreiches Sanierungsmanagement umzusetzen, bedarf es der Beachtung folgender Aspekte des Projektmanagements:

Zunächst muss ein konkretes Ziel für das Sanierungsmanagement festgelegt werden (z. B. angestrebte Zahl energetischer Sanierungen und Erneuerbarer-Energien-Anlagen, Umstieg auf alternative Heizsysteme, Aufwertung des öffentlichen Raumes, E-Ladeinfrastruktur etc.). Sofern dieses Ziel nicht bereits im Konzept erarbeitet und beschrieben wurde, gilt es dieses zum Projektstart mit allen relevanten Akteuren (insbesondere Stadtverwaltung, aber auch Energieversorger, Verbraucherzentrale, Wohnungsunternehmen) festzulegen. Das Projektmanagement soll dazu beitragen, das Ziel so effizient wie möglich in der gewünschten Qualität und Zeit sowie unter dem optimalen Einsatz von Personalressourcen und Kapital zu erreichen. Der Sanierungsmanager muss hier einerseits als Moderator und andererseits als realistischer Planer auftreten, der eine ambitionierte, aber machbare Zielsetzung definieren kann und sich dieser verpflichtet.

Mit dem integrierten energetischen Quartierskonzept liegen bereits eine Ausgangsanalyse und Grobplanung als Projektsteckbrief vor. Der Sanierungsmanager muss darauf aufbauend die Feinplanung inklusive Zeit-, Personal- und Kostenplanung starten und auch potenzielle Risiken definieren. Es sollten aussagekräftige Vorhabensbeschreibungen der geplanten Projekte erarbeitet werden, die  auf die Kosten, den Aufwand, die Chancen und die Risiken eingehen.

Ebenso gilt es den Rahmen für das Projekt zu organisieren. Zu beteiligende Akteure, Beteiligungsformate, Kontrollmechanismen und sonstige planerische Rahmenbedingungen sind zu klären und zu organisieren (Vertrag, Kooperationsvereinbarungen, räumliche und technische Infrastruktur, Medienkooperation etc.).

Mit Beginn der Projektdurchführung im Quartier müssen die einzelnen Projektplanungen (z. B. zum Nahwärmeausbau oder der Vor-Ort-Beratungskampagne) noch verfeinert werden. Dies muss in enger Zusammenarbeit mit den weiteren Akteuren erfolgen, die eigene Projekte umsetzen.

Als überwiegender Initiator und Koordinator muss der Sanierungsmanager insbesondere auch die Prozesse begleiten und die Zusammenarbeit mit den Akteuren laufend hinsichtlich Optimierungspotenzialen überprüfen und bei Fehlentwicklungen gegensteuern. Wichtig ist hierbei auch die Dokumentation der Entwicklung, um gegenüber der Verwaltung, der Politik und Fördermittelgebern Auskunft geben zu können (siehe auch Projektportfoliomanagement).

Mithilfe der Kommunikation über erfolgreich umgesetzte und in Planung befindliche Projekte sowohl im Quartier und auch stadtweit erzeugt der Sanierungsmanager eine Wahrnehmung der Entwicklung des Quartiers, die wiederum weitere Akteure im Quartier dazu ermuntern kann, ebenfalls tätig zu werden – Erfolg zieht weitere Erfolge nach sich. Um diesen Schneeballeffekt so früh wie möglich zu starten, sollte auf eine schnelle Umsetzung erster, leicht realisierbarer Projekte hingewirkt werden. Die Kommunikation sollte sowohl über die Presse als auch im Quartier über Banner oder ähnliche sichtbare Medien (z. B. „Hier entsteht ein neues Nahwärmenetz“) geschehen.

Zum Abschluss des Sanierungsmanagements müssen die Projekte einerseits abgeschlossen bzw. muss die Übergabe an eine möglichst dauerhafte Trägerschaft sichergestellt werden. Darüber hinaus gilt es Bilanz zu ziehen und die Erfolge zu messen und zu dokumentieren und diese der Verwaltung und Politik, aber natürlich auch im Quartier zu präsentieren. Um aus den Erfolgen oder auch zutage getretenen Problemen zu lernen, sollten diese Erfahrungen ebenfalls dokumentiert und bei der Übertragung auf andere Quartiere beachtet werden.