Dunkelfeldstudie zu Gewalt gegen Mädchen, Frauen, Jungen und Männer
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Dunkelfeldstudie zu Gewalt

60.000 Personen wurden aufgerufen, sich an der anonymen Befragung zu Sicherheit und Gewalt in Nordrhein-Westfalen zu beteiligen. Die Ergebnisse stehen fest.

Die Menschen in Nordrhein-Westfalen fühlen sich in ihrer Nachbarschaft insgesamt sicher. Die Unsicherheit steigt, je weiter sie sich von ihrem näheren Wohnumfeld wegbewegen, mangelnde Beleuchtung oder Verwahrlosung des öffentlichen Raumes sind weitere Unsicherheitsfaktoren.  Nur wenige Menschen in Nordrhein-Westfalen befürchten, Opfer einer Straftat zu werden. Wenn sie Gewalt erleben, zeigen viele Menschen die Taten allerdings nicht an. Dies sind nur einige Ergebnisse der Dunkelfeldstudie „Sicherheit und Gewalt in Nordrhein-Westfalen“.

„Scheinwerfer an: Mit den Ergebnissen der Dunkelfeldstudie ist es der Landesregierung gelungen, die vorher nicht sichtbaren Gewalttaten und Sicherheitsgefühle in der Bevölkerung weiter auszuleuchten und damit ans Licht zu bringen. Mit der Dunkelfeldstudie ergänzen wir das bisher bekannte Bild zur Sicherheitslage, Präventionsarbeit und zum Opferschutz um ein wertvolles Mosaik“, sagte Ministerin Ina Scharrenbach.

„Die Studie zeigt, dass viele Menschen die Frage nach Sicherheit in ihrem persönlichen Umfeld umtreibt. Diese Sorgen müssen wir ernst nehmen. Und nehmen wir sehr ernst. Denn nur wenn die Menschen sehen, es bewegt sich was in ihrem Umfeld, dann steigt auch das Vertrauen in Hilfsangebote und in die staatlichen Institutionen“, so Minister Herbert Reul.

60.000 Bürgerinnen und Bürger in 81 Städten wurden befragt

Im September 2019 hatten 60.000 Bürgerinnen und Bürger in 81 Städten in Nordrhein-Westfalen Post erhalten: Das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung und das Ministerium des Innern hatten die großangelegte Dunkelfeldstudie für Nordrhein-Westfalen gestartet. Im November 2019 lagen dann die Ergebnisse vor, die das Landeskriminalamt innerhalb eines halben Jahres ausgewertet hat. Ein Teilaspekt der Befragung bezog sich auf das Sicherheitsempfinden der Befragten sowohl in ihrem Umfeld als auch im öffentlichen Raum.  „Um das Sicherheitsgefühl zu verbessern, müssen viele Institutionen Hand in Hand mit der Polizei zusammenarbeiten. Hier müssen wir ansetzen, neuralgische Punkte ausmachen und Themen erarbeiten. Das kann zum Beispiel sein, Nachbarschaften zu stärken oder für bauliche Verbesserungen zu sorgen“, so Reul.

Erfahrungen mit Gewaltkriminalität

Darüber hinaus wurden Erfahrungen mit Gewaltkriminalität – unabhängig vom Anzeigeverhalten der Opfer und einer späteren Strafverfolgung – abgefragt. „Eine wichtige Erkenntnis aus den Ergebnissen der Studie ist, dass wir unsere Präventionsarbeit weiter ausbauen werden. Gewaltopfer bringen Straftaten zu wenig zur Anzeige. Sexuelle Übergriffe sind keine Kavaliersdelikte und nicht die Schuld der Opfer. Hier sind Opfer noch mehr zu ermutigen, sich an die Polizei zu wenden und die Tat anzuzeigen, auch um sich und andere vor weiteren Gewalttaten durch Täter zu schützen“, sagt Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen.

„Meine Überzeugung ist aber auch: Wir müssen unsere Linie aus Konsequenz gegenüber Straftätern und Null Toleranz bei Gesetzesverstößen weiterführen. Polizei muss präsent sein und die Bürger müssen wissen: Wenn ich mich an die Polizei wende, wird mir geholfen“, fügte Minister Reul hinzu.

Die Befragung wurde im Auftrag beider Ministerien durch das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Die Datenerfassung und -aufbereitung erfolgte durch das Unternehmen „infas – Institut für angewandte Sozialwissenschaft“.

Fragen und Antworten zur Dunkelfeldstudie

Was war das Ziel der Dunkelfeldstudie?

Die Studie beschäftigt sich mit den Themen Sicherheit und Gewalt in NordrheinWestfalen. Sie soll das Phänomen Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie Jungen und Männer erstmals in Nordrhein-Westfalen wissenschaftlich fundiert und umfassend abbilden. 

Neben strukturellen Erkenntnissen zu Gewaltstraftaten aus dem Hellfeld (Straftaten, die der Polizei bekannt sind) und Dunkelfeld (Straftaten, die der Polizei nicht bekannt sind), soll auch das Sicherheitsgefühl der Menschen in Nordrhein-Westfalen betrachtet werden. 

Die Perspektive der Bürgerinnen und Bürger zu den Themen Sicherheit und Gewalt ist von Interesse, um die Präventionsarbeit, den Opferschutz und die Sicherheitsarbeit im Allgemeinen in Nordrhein-Westfalen im Sinne der Bevölkerung gestalten zu können. Zudem können die Ergebnisse wichtige Erkenntnisse liefern, die im täglichen Dienst der Polizei, zum Beispiel im Streifendienst oder im Kriminalkommissariat, Verwendung finden. 

Ein weiteres wichtiges Ziel war es, Erkenntnisse zu gewinnen, auf Grundlage derer präventive Maßnahmen und psychosoziale Unterstützungsangebote für gewaltbetroffene Frauen und Männer gezielt weiterentwickelt werden können.

Welchen Mehrwert bietet die Befragung?

Grundlage für die Bewertung der Kriminalitätslage in Nordrhein-Westfalen ist die bundesweit nach einheitlichen Kriterien erstellte Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). In der PKS werden die der Polizei bekannt gewordenen Straftaten einschließlich der Versuche sowie die ermittelten Tatverdächtigen erfasst. Die PKS bildet damit das sogenannte Hellfeld an Straftaten, wie zum Beispiel zu Gewaltkriminalität, ab. 

Es ist jedoch anzunehmen, dass es Fälle von Gewalt gibt, von denen die Polizei keine Kenntnis erlangt (sogenanntes Dunkelfeld).  Mit Hilfe der Befragung werden Erkenntnisse aus dem Hellfeld um solche aus dem Dunkelfeld erweitert, sodass ein vollständigeres Bild der Kriminalitätslage in Nordrhein-Westfalen entsteht.   

Zudem werden die Bürgerinnen und Bürger repräsentativ für Nordrhein-Westfalen zu weiteren Themenfeldern befragt (siehe „Worum ging es in der Befragung?“), die die Perspektive der Bevölkerung abbilden und somit wichtige Erkenntnisse für eine umfassende und bedarfsgenaue Sicherheitsarbeit in Nordrhein-Westfalen liefern.

Worum ging es bei der Befragung?

Die Befragung (fachsprachlich: Viktimisierungssurvey) beschäftigte sich mit folgenden Themenfeldern

  • Kriminalitätseinstellungen und Sicherheitsgefühl
     
  • Häufigkeit von Gewalterfahrungen ((körperliche Gewalt, psychische Gewalt, sexuelle Gewalt, Gewalt in Partnerschaften, Vorurteilskriminalität)
     
  • Erscheinungsformen von Gewalt (Tatzeit, Tatort, Tatzusammenhang, Geschlecht und Herkunft der Täterinnen und Täter, Vorbeziehung zwischen Opfern und Täterinnen und Tätern)
     
  • Anzeigeverhalten von Gewaltbetroffenen
     
  • Gesundheitliche und seelische Folgen für Gewaltbetroffene
     
  • Inanspruchnahme von und Zufriedenheit mit Hilfe- und Unterstützungsangeboten
     
  • Kenntnis von und Bedarf an Hilfe- und Unterstützungsangeboten
Wer führte die Befragung durch?

Die Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen befragte im Auftrag des Ministeriums des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen und des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen rund 60.000 Bürgerinnen und Bürger. 

Die Durchführung übernahm das Unternehmen „infas - Institut für angewandte Sozialwissenschaft".

Was hat die Studie gekostet?

Die Kosten für die Studie belaufen sich auf rund 500.000 Euro, die durch das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen bereitgestellt wurden.

Wurden die gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz eingehalten?

Ja, die Befragung wurde auf Grundlage eines geprüften Datenschutzkonzeptes durchgeführt. Die relevanten gesetzlichen Bestimmungen wurden vollumfänglich eingehalten.  

Die Befragung erfolgte anonym und freiwillig, zudem wurde der vollständige Schutz der Daten der befragten Personen durch das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen und das Unternehmen „infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft“ zugesichert.

Wer wurde befragt?

Befragt wurden 60 002 Personen aus 81 ausgewählten nordrhein-westfälischen Kommunen im Alter über 16 Jahren mit Hauptwohnsitz in Nordrhein-Westfalen. Die 81 (Ober-) Bürgermeisterinnen und (Ober-) Bürgermeister der für die Befragung ausgewählten Kommunen wurden mit einem Anschreiben von Ministerin Scharrenbach und Minister Reul über die Studie informiert. 

Die Auswahl der Befragten erfolgte nach dem Zufallsprinzip durch eine sogenannte repräsentative Stichprobenziehung bei den Einwohnermeldeämtern der 81 Kommunen.

In folgenden 81 Kommunen wurden Bürgerinnen und Bürger befragt:

Aachen, Altena, Bad Berleburg, Bad Driburg, Bad Lippspringe, Bad Salzuflen, Bedburg, Bergisch Gladbach, Bielefeld, Bocholt, Bochum, Bonn, Bottrop, Dörentrup, Dormagen, Dorsten, Dortmund, Duisburg, Dülmen, Düsseldorf, Engelskirchen, Erkelenz, Erkrath, Espelkamp, Essen, Frechen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Hattingen, Hennef (Sieg), Herford, Herne, Jüchen, Kamp-Lintfort, Kevelaer, Kirchlengern, Köln, Krefeld, Langenberg, Leichlingen, Lennestadt, Leverkusen, Lippstadt, Lüdenscheid, Lünen, Marl, Meinerzhagen, Merzenich, Metelen, Möhnesee, Mönchengladbach, Mülheim an der Ruhr, Münster, Nettetal, Neuss, Oberhausen, Oelde, Paderborn, Pulheim, Radevormwald, Rahden, Recklinghausen, Remscheid, Rheinbach, Rheine, Rietberg, Schwelm, Solingen, Stadtlohn, Steinfurt, Straelen, Sundern (Sauerland), Troisdorf, Velbert, Viersen, Werne, Wesel, Wuppertal, Würselen, Zülpich.

Wie lief die Befragung ab?

Die Befragung erfolgt schriftlich-postalisch mithilfe eines umfangreichen Fragebogens. In einem ersten Schritt wurden die Bürgerinnen und Bürger am 20. August 2019 darüber informiert, dass sie für diese Studie ausgewählt wurden. 

Kurz danach – Anfang September 2019 - erhielten die Personen ein weiteres Anschreiben mit dem Fragebogen sowie einem frankierten Briefumschlag für die Rücksendung. Zwei Wochen später erhielten die Befragungspersonen ein kombiniertes Dank- und Erinnerungsschreiben, um für die Teilnahme an der Befragung zu danken oder an diese zu erinnern. Die Befragung wurde Anfang November 2019 abgeschlossen.

Die ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern hatten die Möglichkeit, sich bei Rückfragen zum Fragebogen oder zur Studie telefonisch über eine kostenlose Rufnummer oder per E-Mail zu erkundigen. Die Erreichbarkeiten wurden den Bürgerinnen und Bürgern im Anschreiben mitgeteilt.

Wie viele Personen haben sich an der Befragung beteiligt?

Mit der Befragung wurde ein sehr guter Rücklauf von über 40 Prozent erreicht. 

Insgesamt wurden 60.002 nach statistischen Methoden ausgewählte nordrheinwestfälische Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren um Teilnahme an der Befragung gebeten. 3 218 (5,4 %) der 60.002 Bürgerinnen und Bürger konnten nicht erreicht werden, da sie zum Befragungszeitpunkt bereits verstorben, ins Ausland verzogen oder im Inland umgezogen waren. Die bereinigte Bruttostichprobe umfasst entsprechend 56 784 Bürgerinnen und Bürger. 

Es wurden 24 600 Fragebögen zurückgesandt, von denen 24 522 ausgefüllt waren. Von den 24 522 zurückgesandten Fragebogen wurden für die Datenanalysen 672 Fälle (2,7 %) ausgeschlossen. Hierunter befinden sich Fälle, in denen Personen angegeben haben, vor dem 01. Januar 2003 geboren worden zu sein, also Fälle, in denen Personen den Fragebogen ausgefüllt haben, die im Rahmen der Stichprobenziehung auf Grund ihres zu niedrigen Alters nicht ausgewählt worden sein können sowie Fälle, in denen die befragten Personen 50 Prozent oder mehr des Fragebogens nicht ausgefüllt hatten. Die Datenauswertung erfolgte entsprechend anhand von 23.850 Fällen.

Zu welchen Ergebnissen kommt die Studie?

In der Kriminalistisch-Kriminologischen Forschungsstelle des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen wurde ein umfassender Forschungsbericht zur Studie erstellt. Dieser beinhaltet Erkenntnisse zum Sicherheitsgefühl der nordrhein-westfälischen Bevölkerung, zur Verbreitung und den Erscheinungsformen von Gewalt, zum Anzeigeverhalten der nordrhein-westfälischen Bevölkerung sowie zu Hilfe- und Unterstützungsangeboten für Gewaltbetroffene in Nordrhein-Westfalen. Auf den ersten Seiten des Forschungsberichtes findet sich eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse.

Weiterführende Informationen finden Sie auf der Projekthomepage des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen

Sind die Ergebnisse der Befragung repräsentativ für das Land NordrheinWestfalen?

Der Fragebogen wurde einer repräsentativen Stichprobe von 60.002 nordrheinwestfälischen Bürgerinnen und Bürgern zugesandt. Bei Bürgerbefragungen kann das Antwortverhalten unterschiedlich sein. Frauen sind etwa häufig eher zu einer Teilnahme bereit als Männer, ältere Personen eher als jüngere Personen und Personen mit Migrationshintergrund sind eher unterrepräsentiert. Durch statistische Verfahren (Datengewichtung) lassen sich solche Verzerrungen korrigieren. Bei der Auswertung wurde, wo statistisch notwendig, eine solche Datengewichtung vorgenommen.

Die Ergebnisse der Studie sind nach den Merkmalen Alter, Geschlecht, Schulabschluss, beruflicher Abschluss, Erwerbsstatus, Migrationshintergrund, politische Ortsgrößenklasse und Haushaltsgröße repräsentativ für die nordrhein-westfälische Bevölkerung.

 

Besteht die Möglichkeit einer kommunenspezifischen Auswertung?

Den befragten Bürgerinnen und Bürgern wurde die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen des Datenschutzes garantiert. Eine kommunenspezifische Auswertung oder die Herausgabe der Daten an Kommunen ist vor diesem Hintergrund nicht möglich.

Sind ähnliche Befragungen in der Zukunft geplant?

Das Land Nordrhein-Westfalen beteiligt sich an der Studie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ (SKiD). Hierbei handelt es sich um eine über den Fonds für die Innere Sicherheit der Europäischen Union kofinanzierte Bevölkerungsbefragung, die in Zusammenarbeit von Bund und den Bundesländern erstmals im Herbst 2020 durchgeführt wird. Bei der Befragung werden viele ähnliche Themen aufgegriffen.

In einem Sondermodul können die Bundesländer für ihr Bundesland ein Schwerpunktthema auswählen. In Nordrhein-Westfalen wird ein Fokus auf das Thema Sicherheit im öffentlichen Raum gelegt und ergänzende Fragen dazu gestellt. 

Nähere Informationen zu dieser Studie finden Sie auf der Projekthomepage des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen und der Projekthomepage des Bundeskriminalamtes.